Wie viel Mut braucht Stadtentwicklung, Frau Roth?
Shownotes
Roth erzählt, wie der Fünf-Finger-Plan aus den 1960er- und 70er-Jahren und der spätere Hochhausrahmenplan den Weg für die heutige Skyline geebnet haben – und wie viel politische Überzeugungsarbeit dahintersteckte, gerade weil Mehrheiten über Parteigrenzen hinweg organisiert werden mussten. Sie beschreibt, dass mit jedem neuen Hochhaus auch Fragen der Infrastruktur mitgedacht werden mussten: Wie kommen die Menschen zur Arbeit? Wo werden ihre Kinder betreut? Wie verträgt sich Verdichtung mit dem bestehenden Stadtbild? Auch die Finanzierung von Kultur kommt zur Sprache, mit einem direkten Vergleich zu München. Außerdem geht es um die Frage, welchen Stellenwert kulturelle Angebote für die Attraktivität einer Stadt haben.
Roth macht deutlich, wie eng bauliche Entscheidungen mit politischen Abstimmungsprozessen verwoben sind.
- Wie der Fünf-Finger-Plan und der Hochhausrahmenplan die bauliche Entwicklung Frankfurts über Jahrzehnte vorbereitet haben
- Welche infrastrukturellen Fragen aus Sicht der Stadtverwaltung mit jedem neuen Hochhausprojekt mitgeplant werden mussten
- Wie demokratische Mehrheitsbildung über Parteigrenzen hinweg Großprojekte wie die neue Frankfurter Altstadt möglich gemacht hat
Am Ende zeigt das Gespräch vor allem eines: Wer in Städten baut, braucht nicht nur ein gutes Konzept, sondern auch die Geduld, gesellschaftliche und politische Mehrheiten dafür zu gewinnen.
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Stefan Bürger: Ja, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, heute haben wir einen ganz, ganz besonderen Gast. Neben mir sitzt Petra Roth, die langjährige Oberbürgermeisterin der Stadt Frankfurt und eine Persönlichkeit, die nicht nur eine Stadt gesteuert hat, sondern auch Stadtentwicklung geschaffen hat. Schön, dass Sie da sind, Frau Roth. Petra Roth: Gerne. Stefan Bürger: Wir sitzen hier und beschäftigen uns mit Immobilienthemen. Dabei muss man natürlich, äh, deutlich machen, dass Ihre Immobilienexpertise viel weiter geht, als man das so denkt, denn Sie sind doch letzten Endes die Mutter der Frankfurter Skyline. Oder übertreibe ich da? Petra Roth: Das ist ein schöner Titel. Ja, das habe ich bisher noch nicht gehört. Petra Roth: Wenn ich, äh, als Oberbürgermeisterin für Liberalität, offene Gesellschaft und, äh, modernste, auch von der Architektur, Großstadt Deutschlands stehe, damit kann ich mich identifizieren, aber das Lob. Aber danke schön, es gefällt mir.
Stefan Bürger Was hat Sie damals dazu gebracht, so groß zu denken? Also: Frankfurt ist die einzige Stadt, die diese Dichte an Hochhäusern hat und die auch 'ne Skyline hat, die sie von vielen amerikanischen Skylines abhebt, nämlich eine sehr vielfältige. Stefan Bürger: Das ist ja außergewöhnlich in jeder Hinsicht. Was war, was ist da in Ihrem Kopf passiert damals? Petra Roth: Ich bin, äh, nur die nächste Oberbürgermeisterin in der Reihenfolge der Nachkriegsoberbürgermeister und es gab in den 60er, 70er Jahren den Fünf-Finger-Plan von Herrn Kampffmeyer, das war der Planungsdezernent, der letztendlich verursacht hat, dass die Hausbesetzungen Frankfurt politisch auch sehr beschäftigten im Westend, denn in diesem Fünf-Finger-Plan, äh, wurde gesagt, wir brauchen Hochhäuser für Büros, für Arbeitsplätze.
Petra Roth Frankfurt ist eine wachsende Stadt und das belegen alle Zahlen von damals bis heute. Und, äh, dazu wollte er, äh, zwar im B-Plan ausgewiesen, also mit allen Rechten, die dann der Eigentümer hat, mit: Anhörungsverfahren, vorhandene Villen abreißen und dort Hochhäuser. Das ist die alte Geschichte der 70er, der Häuserkampf. Stefan Bürger: Mhm. Petra Roth: Äh, dann war viele Jahre Pause- Stefan Bürger: Mhm. - Petra Roth: und dann kam ein wei, ein neuer Plan für die Stadt Frankfurt Hochhäuser zu bauen. Äh, und da, jetzt komme ich auf Ihre Frage zu mir, äh, ich, ich finde Hochhäuser faszinierend. Mhm. Ja? Und ich bin auch in Amerika gewesen, in New York, dort diese Hochhäuser zu sehen, die Funktionen, die Skyline, diese Kubatur, diese, diese Schneisen, in denen Leben ist und andererseits, äh, aber auch, äh, wie sagt man, künstlich- Stefan Bürger: Mhm.
Petra Roth -äh, das Leben zurückgeholt werden muss, weil das alles Sicherheitsfragen sind, die in einem Hochhaus berücksichtigt werden. Da habe ich mich damit beschäftigt als, äh, Stadtverordnete und im Landtag und dann, äh, als die Planungen dann kamen, einen: weiteren Hochhausrahmenplan. Da bin ich dann schon im Amt gewesen. Petra Roth: Da Stefan Bürger: waren Sie vorbereitet und hatten- Petra Roth: Genau, nein, da habe ich Ja gesagt innerlich und habe dann, äh, mit dem Magistrat alles diesen Hochhausrahmenplan durchgearbeitet mit Albert Speer und Partner, hat mich sehr beraten. Die großen heute Weltarchitekten, die wir in Frankfurt haben, die deshalb auch bei uns arbeiten in Frankfurt. Petra Roth: Äh, dann, mhm, das politisch unterstützt. Das gehört ja dazu. Wenn Sie Oberbürgermeister sind, sind Sie Chef der Verwaltung, der erste Bürger dieser Stadt, der zu dienen hat seinen Bürgern. Aber er ist, äh, muss für die Beschlüsse, die man umsetzen will, 'ne Mehrheit haben, 'ne demokratische. Stefan Bürger: Mhm. Petra Roth: Und da habe ich mich dann damit reingeklemmt und die sozialdemokratischen Planungsdezernenten unterstützt, dass eben die CDU auch für solche Hochhäuser- Stefan Bürger: Also über Parteigrenzen hinweg, äh, es geschaffen.
Stefan Bürger Und was Sie getrieben hat, ist ja, wenn ich Sie richtig verstanden habe, auch irgendwo so diese: ästhetische Freude an, an der großen Kubatur, an dem, was ein Hochhaus auch mit einem Stadtbild macht. Stimmt das? Petra Roth: Ja, das stimmt absolut. Stefan Bürger: Ja. Petra Roth: Und als der Jahn, äh, Ende der, mhm, neunziger Jahre mit dem Entwurf kam, da war der CDU-Oberbürgermeister Brück. Stefan Bürger: Mhm. Petra Roth: Diesen, äh, Bleistift oder Stiletto, äh, zu bauen, das war für mich sehr fremd. Und alles, was mir fremd ist, reizt mich aber auch, mich damit zu beschäftigen und mir erklären zu lassen, warum man das so baut und nicht anders. Und, äh, dann habe ich gesagt: „Ja, das könnte ein Wahrzeichen, ein neues Wahrzeichen für Frankfurt werden." Petra Roth: Ähm, deshalb, äh, es gibt, wenn ich das noch sagen darf, es gibt in Frankfurt, äh, kein Hochhaus, das Sie woanders schon, äh, gefunden haben. Stefan Bürger: Mhm.
Petra Roth Es sind manche nachgebaut worden, aber das war, äh, der Wettbewerb und auch der Ehrgeiz der Architekten, dass sie in: Frankfurt was machten, was sie noch nicht gemacht haben. Petra Roth: Und dazu, jetzt kommt wieder Politik, gehört natürlich eine open-minded, äh, Verwaltung, eine offene, äh, Gesellschaft in der Führungsschicht, äh, Magistrat, die das aufnehmen. Stefan Bürger: Mhm. Petra Roth: Und damit sind wir auch bei der Gesamt, äh, Kubatur, wenn ich das aufnehmen darf, jetzt, äh, für die Gestaltung Frankfurts, wie diese Stadt sich zu entwickeln hat. Petra Roth: Offen, modern, ähm, mit, äh, neuesten Technologien. Mich hat immer sehr beeindruckt, dass meine Amtsleiter, die sich in Frankfurt beworben haben, gesagt haben: „Hier kann ich endlich das, was ich gelernt habe, neu", also Wasserbau, es geht um die Kanäle in Frankfurt, sagen sie, "umsetzen", weil sie hier in dieser Stadt nicht Sie kleingeschrieben, sondern nee, umgekehrt, nicht Sie allein, sondern diese ganze Verwaltung ist offen, modern und das macht Spaß.
Stefan Bürger Und diesen Spaß haben Sie nicht nur in dem Hochhaus Rahmenplan mit umgesetzt, sondern die gesamte Stadt hat hier ihr Gesicht: ein Stück weit verändert in ihrer Ägide. Wenn ich an Infrastrukturthemen denke, wenn ich schaue, wie auch mit dem Main umgegangen wurde. Was waren so, wenn Sie so, so zurückdenken, so die hauptstädtbaulichen Punkte, die Sie heute, die Sie heute auch als besonders wertvoll für sich einschätzen? Petra Roth: Also Sie müssen, äh, bedenken, ein Hochhaus jetzt nicht nur von den Auswirkungen, äh, äh, auf, äh, das gesamte Stadtbild, sondern seine Auswirkung auf die, äh, Baufläche. Also erstens muss der Abstand vom Hochhaus, äh, zum nächsten Bebauung ist genau festgelegt. Stefan Bürger: Ja. Petra Roth: Das ist aber in unseren Hochhäusern jetzt mit der Verdichtung gar nicht mehr angewendet worden. Petra Roth: Dazu gibt es Ausnahmegenehmigungen, die demokratisch beschlossen wurden, die also rechtlich auch nicht angreifbar sind. Stefan Bürger: Mhm.
Petra Roth Ein Hochhaus mit dreitausend Arbeitsplätzen bedeutet ja dreitausend Menschen, die: mit, mit dem Auto zu Fuß, mit dem Fahrrad, mit der U-Bahn, mit der S-Bahn irgendwie ihren Arbeitsplatz. Petra Roth: Also Stefan Bürger: eins hängt- Petra Roth: Wohnen geht da nicht. Stefan Bürger: Eins hängt am anderen, ne? Petra Roth: Natürlich. Nicht hängt am anderen, entwickelt sich daraus. Also als wir die Hochhäuser planten, musste dazu natürlich die Infrastruktur der Straßen berücksichtigt werden, die Infrastruktur des öffentlichen Nahverkehrs und dann die gesamte soziale Infrastruktur. Petra Roth: Diese Männer und Frauen, die da waren. Ich bin das persönlich sogar gefragt worden, als ich einen CEO, der nach Frankfurt kommen wollte, sagte: „Und wie ist das bitte mit Kindergärten?" Das war in den neunziger Jahren. Äh, das war, als das grad begann, Betriebskindergärten zu machen, dass jemand, der arbeitet, seine Kinder im Haus unterbringen kann.
Petra Roth Federführend war damals Commerzbank. Äh, da hab ich gesagt, äh „Ja, die finden Sie da oder dort. Das reichte dem aber nicht. Der sagt „Meine Frau ist eine Führungskraft in Paris und in Paris kriege ich, wenn ich, wenn die arbeitet, wird: gesagt, wo das Kind untergebracht wird. Das haben wir natürlich sofort aufgenommen und haben dann in der Sozialpolitik, in der Bildungspolitik, die internationale Schule, all das gehört dazu. Petra Roth: Und das können wir nicht auf einmal machen, sondern Stück für Stück. Und jetzt kommt wieder die Kunst oder sagen wir mal das, was, ähm, Politik ausmacht in einer Metropole und eben auch in Frankfurt, dass natürlich die, äh, bisherige Bevölkerung in der Stadt mitgenommen werden muss. Ich kann nicht erwarten, dass die meinen Geschmack mögen. Petra Roth: Ich kann nicht erwarten, dass die all das Moderne gut finden. Das haben wir ja heute auch. Also Erneuerungsverlierer hießen mal, äh, diese Gruppen in der Gesellschaft. Und, äh, das ist die Kunst von Politik, Stück für Stück auch diesen Bürgern im Stadtteil, in ihren Wohngebieten etwas Neues, etwas Urbanes zu, äh, anzubieten, was man machen kann, wenn. Petra Roth: Also es ist auch ein-
Stefan Bürger Ein: Austarieren. Ja. Ist dieses Austarieren Ihrer Meinung nach gelungen? Denn es wird ja häufig darüber gesprochen, dass die Stadt im Grunde nicht mehr von den Menschen bewohnt wird, die in ihr arbeiten oder die sie reinigen oder die sie schützen oder, äh, die dort für Gesundheit, äh, sorgen. Stefan Bürger: Würden Sie dem zustimmen oder sehen Sie das differenzierter? Nein, Petra Roth: das sehe ich sehr viel differenzierter. Also, ähm, wir haben seit 1995, als ich Oberbürgermeisterin wurde, äh, hatte die Stadt Frankfurt fünfhundertsiebzigtausend Einwohner. Als ich 2012, die Daten hatte ich schon, endete hatten wir siebenhundertachtzigtausend.
Petra Roth Ja, das sind zweihunderttausend Menschen in siebzehn, knapp zwanzig Jahren wieder, die in Frankfurt, das sind Frankfurter, die gezählt wurden, wohnen müssen. Die brauchen einen, äh, Kindergartenplatz, die brauchen Krankenhausbetten. Das, a-- Die gesamte Gesellschaft, wie sich eine Gesellschaft: zusammensetzt oder aufbaut mit ihren institutionellen Einrichtungen, muss in einer Stadt vorhanden sein. Stefan Bürger: Mhm. Petra Roth: Und es gibt, äh, beim Städtetag, äh, ein erarbeitetes Projekt, das heißt „Die Zehn-Minuten-Stadt". Weil die Begriffe Stadt sind definiert. Früher ist das, äh, die Kirche, das ist der Bürgermeister und das ist die Kneipe. Stefan Bürger: Mhm. Petra Roth: Ja, wirklich wahr. Wenn Sie sehen, mein Drumherum, das sind die Kommunika-, die ursprünglichen Kommunikationsräume, in denen Entwicklungen sich darstellten, wie aber auch Verständnis für den anderen und dann Einsatz.
Petra Roth Und wir haben diese Neubürger, die nach Frankfurt kamen, natürlich mit einem großen Anteil von zusätzlichen Wohnungen, äh, auch unterbringen können. Aber was Sie auch fragten, ist Äh, Frankfurt ist teuer, wie andere Großstädte auch. Wir haben jetzt 'n ganz neuen, äh, Umfrage. Wirklich letzte Woche habe ich das gelesen, dass, äh,: Frankfurt zu den zehn Städten weltweit, die als Wohlfühlstädte- Stefan Bürger: Mhm. Petra Roth: -gehören, verzeichnet wird. Dazu gehört nicht New York von diesen Umfragen, um mal das zu sagen. Die prosperierendsten Städte sind dann wiederum, äh, Genf, London, Paris und dann geht's nach Asien. Da kommen wir auf Platz vierzehn, fünfzehn. Stefan Bürger: Mhm. Petra Roth: Und das ist immer, wie Sie eben sagten, dieses Austarieren. Mhm. Und daran macht sich nachher auch der Wahlerfolg, äh, fest- Stefan Bürger: Mhm. Petra Roth: -oder nicht fest. Haben wir die Bürger mitgenommen und können wir jetzt weiter die Stadt dahin entwickeln? Ich glaube, das wäre jetzt von dem Lob vorhin, das ist etwas, was mir gelungen ist in Frankfurt. Die vielen, damals sagte man noch Ausländer, die Frankfurter geworden sind. Ich bin immer für das doppelte, äh, Wahlrecht gewesen. Stefan Bürger: Mhm.
Petra Roth Die doppelte Staatsbürgerschaft gewesen, weil ich gesagt habe, die Kinder sind im Kindergarten und die Eltern müssen da auch mitentscheiden: können, ob eine Erziehungskraft drei zu eins oder fünf zu eins. Äh, und diese Menschen begegnen wir heute noch auf den Straßen. Die sind, äh, ganz begeistert, wenn sie mich sehen, sagen: "Sie haben mich eingebürgert." Petra Roth: Das ist doch ein Teil von Gesellschaft, von Stadtpolitik, um so moderne Begriffe zu nehmen, die koloriert die Stadtgesellschaft. Stefan Bürger: Ja, Petra Roth: und ist ja- Eine wahnsinnig vitale Gesellschaft, eine vielsei..., eine friedfertige auch. Stefan Bürger: Mhm. Petra Roth: Wir haben hunderteinundneunzig Nationen in dieser Stadt, die miteinander leben. Das haben wir immer gemerkt, also Fußballweltmeisterschaft. Stefan Bürger: Und so ist ja Frankfurt eine der internationalsten Städte in Deutschland. Wir wollen jetzt nicht Hamburg oder Berlin schlechtreden, aber in der Tat- Nein, Petra Roth: das stimmt Stefan Bürger: auch. -ist Frankfurt an der Stelle ja herausragend. Und wenn wir über Metropolen reden wie Frankfurt, stellt sich die Frage: Welche Rolle spielt Kunst bei so etwas?
Stefan Bürger Also wir kommen jetzt sehr von der Architektur. Dann haben wir über Infrastruktur geredet Braucht 'ne Stadt auch 'ne künstlerische Seele?: Petra Roth: Also in jedem Fall, das ist ja, äh, Kunst oder darf ich sagen Kultur? Stefan Bürger: Ja, gerne. Petra Roth: Äh, Kultur ist Kunst und Kunst ist, äh, gestalterische Elemente, ist das, äh, die Philosophie im Denken, wie Menschen miteinander ihren Raum, Lebensraum ausstatten. Petra Roth: Also Kunst und Kultur ist Das hat besonders gut unser lang gelebter und, äh, dann erst vor wenigen Jahren verstorbener Hilmar Hoffmann, Kulturdezernent, äh, der Frankfurter Gesellschaft und der Politik beigebracht. Er musste sehr kämpfen, als er in den siebziger Jahren, äh, geholt wurde aus, äh, Nordrhein-Westfalen und hatte mit Rudi Arndt, äh, einen Vertreter, der sagt: „Mach mal".
Petra Roth Dann kam Walter Wallmann, siebenundsiebzig. Entschuldigung, man muss so weit zurückgehen. Äh, und da hat, äh, der Hilmar Hoffmann: gesagt: „Sie müssen diese Stadt weiterentwickeln in diesem Sinne." Das war nicht unbedingt 'ne Priorität der CDU damals, siebenundsiebzig. Und die Idee, das Museumsufer zu gestalten, kommt von Hilmar Hoffmann, der dann Wallmann überzeugen konnte. Petra Roth: Das heißt, und heute, jetzt wirklich in diesem 21. Jahrhundert, schauen Sie mal, was alles unter Kunst firmiert, äh, was wir für viele freie Gru, freie Gruppen haben, die sich darstellen können, die Ausstellungsräume haben. Jetzt kommen wir wieder auf die Kommune. Diese Ausstellungsräume gibt die Kommune, wenn's geht, äh, kostenfrei, dass, äh, wieder andere sehen, was Menschen gestalten können.
Petra Roth Und, äh, wir haben natürlich auch einen hohen Stellenwert unter dem Vergleich der Großstädte mit unserer Kunst und Kultur. Äh, hier möchte ich besonders unsere Oper erwähnen. Die-- Wir müssen das ja alles selbst bezahlen. Wenn: ich da an München, wenn ich immer wir sage, also die Stadt Frankfurt mit seinen Einnahmen. Petra Roth: In München ist es so, dass, äh, fünfzig Prozent der Ausgaben für die Kultur in München das Land übernimmt. Bei uns sind es zwei Prozent. Ähm, das hat was mit der Verfassungsfrage von 1948, 47, 48 zu tun, indem man gesagt hat, Frankfurt war mal ehemals freie Reichsstadt und frei unter dem Begriff selbstbestimmt. Petra Roth: Wir wollen nicht- Da Stefan Bürger: gibt's aber auch kein Geld von jemandem anders. Wir
Petra Roth wollen nicht, äh, wir, wir, wir bezahlen das nicht. Und in meiner Zeit war das, das, äh, das ist eine Debatte, seitdem die Kultur so einen hohen Stellenwert hat und Kosten verursacht, äh, die ich wirklich auch als Politiker mitführen musste, nämlich als es darum ging, ähm, unsere Generalmusikdirektoren, unsere Intendanten, die sucht ein Gremien, Gremium: aus Frankfurter Bürgerinnen und Bürgern aus. Petra Roth: Und die dürfen inszenieren, was sie wollen. Und ich hab genügend Prügel, verbale, also bekommen, dass also das Programm also und Herr Gielen würde das Opernhaus leer spielen. Das war ein welt weltanerkannter Dirigent, äh, modern oder dass wir, ähm, hier mit Fassbinder und solchen Sachen, äh, Schauspieler. Da muss man sagen, das, äh, entscheiden wir. Petra Roth: Und solange das nicht das Grundgesetz und die Grundrechte beein-beeinträchtigt, ist das so in Ordnung. Mhm. Dazu gehört, ich finde, wenn Sie mir ein bisschen jetzt gefolgt sind, dazu gehört natürlich auch Mut von denen, die die Stadt regieren- Ja, absolut. -und führen. Das ist nicht nur der Herr Oberbürgermeister, sondern all die, die mit abstimmen. Petra Roth: Aber Stefan Bürger: ist das Petra Roth: nicht- Die dagegen stimmen, das ist doch großartig. Stefan Bürger: Bist du ernst? Ist das nicht auch typisch für Frankfurt? Ja. Petra Roth: Also Stefan Bürger: so Petra Roth: definiert sich doch Frank- Das Stefan Bürger: ist
Petra Roth der Frankfurter Weg, kann man sagen. Das, äh, wie gesagt, mit der: Drogenpolitik, ähm, bin ich einen Weg gegangen, den die CDU nie wollte gehen. Petra Roth: Bundesebene, wo ich das auf eigene Verant-- wirklich eigene, auch von der Gesetzgebung her, Verantwortung begonnen habe und dann mir man gesagt hat, das war richtig. Und dann hat man Gesetze gesagt und hat, das, das ist möglich für die Stadt. Das ist auch-- Entschuldigung, das muss ich jetzt mal bloß zwischen durch sagen. Petra Roth: Sie merken das wahrscheinlich auch. Das ist, äh, einfach wunderschön Kommunalpolitik. Ja. Sie können das umsetzen in einer Kommune, das gilt ja nicht nur für Frankfurt, dort, wo Sie Gemeinderatsmitglied sind und für den Bürger das machen. Stefan Bürger: Ganz handfest. Petra Roth: Das ist doch großartig. Stefan Bürger: Ganz bodenständig. Petra Roth: Ja, und, äh, das ist ei-einfach gestalten können.
Stefan Bürger Man sieht Ihnen die Begeisterung an. Jetzt müssen wir noch auf Wohnen abbiegen. Ja. Weil das ist natürlich für 'ne, für 'ne Stadt ganz wesentlich. Das Thema Wohnen muss bezahlbar sein, ist die eine Seite. Zum anderen soll Wohnen aber auch eine städtebauliche: Komponente haben. Wir fangen mal mit dem Städtebau an. Stefan Bürger: Wenn Sie aufs Europaviertel gucken in Frankfurt und die Entwicklung sich so anschauen und sehen, wie doch sehr monostrukturell dort Architektur gebaut wurde, die, ja, viel Qualität, die Frankfurt an anderer Stelle hat, so nicht erreicht. Würden Sie sagen, das ist okay, das ist pragmatisch? Oder, ähm, gucken Sie da auch mit 'nem weinenden Auge drauf? Stefan Bürger: Also wie sehen Sie Wohnungsbauentwicklung so der letzten zehn, fünfzehn Jahre? Petra Roth: Also wir bauen sehr qualitativ sehr gut. Wir sind auch wieder sehr viel teurer als, äh, in anderen Städten. Über die Fassadengestaltung, ähm, was Sie eben angesprochen haben, denn es ist 'ne Fassadengestaltung. Innen die Wohnungen sind heute alle so genormt, die können Sie austauschen.
Petra Roth Die Fassadengestaltung ist letztendlich in der Beurteilung dann auch eine Geschmacksfrage. Wenn Sie die: Kaiserstraße nehmen und diese wunderbaren alten Fassaden sehen und jedes Haus ähnlich, aber jedes Haus ein bisschen anders, dann Muss ich sagen, dass ich das sehr, sehr schön finde. Schön. Und trotzdem hat es eine, äh, Lebendigkeit, weil sie ein bisschen anders ist. Petra Roth: Die Monostrukturen, die wir leider bei den Reihenhaussiedlungen haben, ich will immer darauf kommen und die in ganz Deutschland gleich aussehen, das, ähm, hat noch nie meine-- außen, außen. Innen drin ist es großartig, was heute- Die Stefan Bürger: Funktionalität steht außer Petra Roth: Frage. Und, äh, wenn ich dann nach Norddeutschland gucke und dort die Reihenhaussiedlungen sehe, sind alle paar zwanzig, dreißig, die Häuser haben eine andere Fassade. Stefan Bürger: Mhm.
Petra Roth Gleich. Es sieht sehr viel heimeliger und, äh, wärmer aus als diese Fassaden. Deshalb, äh, jetzt zum Europaviertel. Das: ist, ähm, wir haben ja Ausschreibungen und die gewinnen den Wettbewerb, die Ausschreibung und die Stadtverordnetenversammlung und wir, also demokratische Mehrheiten, haben das, äh, so entschieden. Stefan Bürger: Mhm. Petra Roth: Die Wohnungen sind toll. Ich kenne die. Ich habe mir immer die Mühe, ich habe-- finde Wohnungen ganz großartig. Vielleicht hätte man es anders gemacht. Ich glaube, heute baut man es ja auch nicht mehr so. Wenn Sie jetzt, äh- Also Stefan Bürger: das Besondere Petra Roth: ist- Sachsenhausen nehmen. Stefan Bürger: Ja. Petra Roth: Weil ich da die frühere, äh, von Herrn Schu-Schubot, das alles mit Grünflächen kenne. Petra Roth: Dort, äh, hat man weitaus mehr, äh, Ornamentik, Stefan Bürger: äh, Petra Roth: eingebaut. Ich, ich bin, bin kein Fachmann, ich bin kein Architekt, ich bin keine- Stefan Bürger: Na ja, aber Sie sind, Sie sind Petra Roth: ein waches Auge. Das Büro da oben haben wir gesehen. Da ist aber nicht die Gefahr. Es ist, äh, man muss aufpassen, dass man nicht ins Kitschige kommt.
Stefan Bürger Mhm.: Petra Roth: Wenn Sie die Mai-Siedlungen angucken, die ja auch seriell sind, wo man, man baut ja ein Haus erst mal, um die Grundfläche zu haben und Wohnungen zu bauen und dann kommt das andere draußen vor. Dann hat der das gut gelöst. Stefan Bürger: Mhm. Petra Roth: Er hat, äh, wie jetzt auch die Waldsiedlung in Berlin unter, äh, Kultur, ja, ist das, äh- Stefan Bürger: Denkmalschutz. Petra Roth: Nee, Kultur. Stefan Bürger: Ensembleschutz. Petra Roth: Waldsiedlung in Berlin erst vor zwei Wochen unter Schutz gestellt wird. Äh, farbige Eingänge, mal Sprossen vor, mal ein Eingang nach hinten, das kannst du ja versetzen. Sieht sehr gut aus. Stefan Bürger: Mhm. Petra Roth: Ja, also. Stefan Bürger: Ambivalent. Aber was ich interessant finde, dass Sie schon mehrfach in dem Gespräch den Hinweis gegeben haben, es ist demokratisch entschieden worden.
Stefan Bürger Den Gedanken würde ich gerne noch mal ein bisschen, bisschen rausholen aus unserem Gespräch. Der demokratische Prozess und das Finden einer demokratischen Linie in einer Stadtgesellschaft liegt Ihnen sehr am Herzen, richtig? Ja.: Petra Roth: Ja, ich bin CDU-Mitglied und bin jetzt über seit 1971. Ich würde nie in eine andere Partei eintreten und ich glaube, ich würde auch nicht austreten, obwohl ich mich auch ab und zu sehr, äh, sehr unzufrieden bin mit vielen Dingen. Petra Roth: Aber in der Zeit, als ich Verantwortung hatte und ich war auch Vorsitzende der CDU in Frankfurt, eine der ersten Frauen, die viertausend Mitglieder hatten wir damals. Ähm, mir ging es immer darum, Mehrheiten zu bekommen für die Idee, die wir entwickelten in der Partei oder der Einzelne, wenn sie mir gefielen. Petra Roth: Und dann habe ich, äh, mit dem Kopf durch die Wand geht nicht. Und oh, ich habe Parteitage gemacht mit ganz kritischen Themen. Stefan Bürger: Mhm.
Petra Roth Hab, äh, die Fachleute vortragen lassen und, äh, dann habe ich daraus Arbeitskreise gemacht und dann einen weiteren Parteitag, da haben wir: abgestimmt, ob das so oder so geht. Und erstens können Sie, freuen Sie sich dann, dass das ist, dass die Mehrheit derjenige, die entscheiden sollen, das mittragen und zum anderen, dass sie das ohne Konflikte oder ohne Menschen oder Institutionen zu verletzen, äh, geschafft haben. Petra Roth: Bestes Beispiel ist die neue Altstadt. Die, die neue Altstadt ist, ist ja genau in meiner Zeit entstanden, von '95 bis, äh, 2012 beziehungsweise hat sie noch fünf Jahre länger gedauert. Und, äh, dieser Entwicklungsprozess, ähm Hat sehr lang gedauert. Ja, aber Stefan Bürger: auch wahnsinnig Petra Roth: wichtig. Ja, ja, Moment. Das ist ja nicht nur, wir bauen da was hin. Petra Roth: Da war ja was. Stefan Bürger: Ja.
Petra Roth Ähm, und zwar muss ich hier wirklich, äh, den Planungsdezernenten Martin Wentz, äh, erwähnen, der unter dem Gesichtspunkt „Wir brauchen Wohnungen", das ist: immer unser treibender Ansatz gewesen über die ganzen Jahrzehnte. Wir brauchen Wohnungen für die vielen, äh, neuen Bürger, die kommen. Stefan Bürger: Mhm. Petra Roth: Äh, ob man verdichten kann, äh, hat der Martin Wentz gesagt: „Wir könnten doch, könnten doch das technische Rathaus abreißen." Das ist preisgekrönt von Ungers gewesen. Und dort Hotel, äh, und Wohnen machen. Ho-Hotel ist die intensivste Form des Wohnens für die ganzen Touristen. Früher kam ja kein Mensch nach Frankfurt. Petra Roth: Heute kommen Millionen im Jahr nach Frankfurt. Das Kultur, Kunst, Hochhäuser angucken. Kennen die Leute doch gar nicht. Und Hochhausfestival. Und alle haben sie mitgearbeitet in Frankfurt. Alle Institutionen, FFH, äh, hat da dran mitgearbeitet. Großartig. Äh, und da wurde gesagt: „Na also das, das wär ja unmöglich."
Petra Roth Und dann wird weitergedacht „Wenn wir das abreißen, dann bekommen wir eine freie Fläche. Und was: machen wir denn dann?" Und, äh, dies andere. Und dann haben sich so Gruppen, Bürgerinitiativen, Bürgergruppen oder Initiativen mit Vorschlägen gemeldet. Und dann kam irgendwo so Ende der Neunziger Jahre ein Vorschlag zu mir. Stefan Bürger: Mhm. Petra Roth: Und, ähm, da hab ich mich dann erst damit beschäftigt. Sie können sich nicht von Anfang, weil die vielen Aufgaben, die sind- Und Stefan Bürger: dann ging es langsam Richtung... Petra Roth: Ja, aber der erste Vorschlag waren Ungers Flachdachblöcke. Stefan Bürger: Mhm. Petra Roth: Ja, alles frei. Und dann, und, ähm, dann hat, äh, eine andere Initiative gesagt: Nein, sie wollten die historische Altstadt. Petra Roth: Das war irgendwo eine Gruppe, die da sagt: „Ach du lieber Gott. Also eine historische Altstadt." So, und dann kommt die große und, ähm- Äh, Entwicklungsphase. Was ist die historische Altstadt? Da kommen die und da, das hat mich fasziniert. Die Geschichte dann war nach dem großen Brand das toll. Wenn Stefan Bürger: man so eintaucht in die Vergangenheit
Petra Roth und: darüber nachdenkt, Stefan Bürger: ob man Petra Roth: die revitalisieren kann. Petra Roth: Was ist die Altstadt? Es gibt kein, gab keine. Meinten die die Altstadt, die, äh, Adolf Hitler noch, äh, verändern wollte, also anpinseln, weil die so vergammelt war neunzehndreiunddreißig und dann wegen Krieg nachher nicht mehr dazu gekommen ist. Also die ist verbrannt. Aber nicht das andere. Und dann haben wir im Magistrat, so ist das so, diese Richtung vorgegeben. Petra Roth: Auch, äh, die Parteien mussten das machen. Und das alles in der Altstadt von den Steinen, wie die aussehen, von der ob dann der Fußweg eine Bordkante hat oder nicht. Jeder dieser Beschlüsse sind ganz unendlich viele kleine, hat der Bauausschuss immer abgestimmt. Demokratisch. Und das ist schön. Diese Altstadt ist das Bild der Frankfurter Gesellschaft, wie sie ihr Herz der Stadt zurückgeben wollten. Stefan Bürger: Was ein schöner Gedanke.
Petra Roth Das ist. Das ist ganz, ganz großartig. Die Architekten deutschlandweit, die haben das runter gemacht. Und da hat Herr Meckler und die: anderen, die mitgearbeitet haben, gestanden. Stefan Bürger: Ja, und heute ist es ein weiterer Magnet. Und dieses achtundneunzig Petra Roth: Prozent der Architekten Deutschlands sagen so gelungen, so. Stefan Bürger: Ja, und wenn man heute dorthin geht, dann sieht man, wo die Touristen, von denen Sie gerade gesprochen haben, auf jeden Fall vorbeischauen. Das ist nämlich die Altstadt dort. Und man sieht, man muss manchmal gegen den, gegen den Wind gehen, hat aber, wenn man auf einem demokratischen Fundament arbeitet, dann auch genug Power und Kraft im Rücken, es durchzutragen. Stefan Bürger: Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, das war Petra Roth. Ein Blick nicht nur in, äh, die vergangenen Wachstumsphasen von Frankfurt, sondern in ganz viele geistreiche und sehr, sehr, sehr demokratische Vibes, die Sie mitbringen. Danke für das tolle Gespräch.
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